BUND - Landesverband Thüringen
Pressemitteilung - Erfurt, 15. Januar 2026
Wandel & Widerstand Der kritische Agrarbericht 2026
Agrarpolitik im Rückwärtsgang: Reformen stocken, Höfe unter Druck
Statt der Agrar- und Ernährungswende droht ein Rückschritt: Unter dem Deckmantel "Bürokratieabbau" werden zentrale Regeln in Umwelt-, Verbraucher- und Tierschutz infrage gestellt. Der Kritische Agrarbericht 2026 zeigt, was auf dem Spiel steht - und warum es jetzt politische Mehrheiten für eine gemeinwohlorientierte Agrarförderung braucht.
Mit dem Kritischen Agrarbericht 2026 legt das AgrarBündnis gemeinsam mit zahlreichen Autor*innen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft erneut eine umfassende Analyse der agrar- und ernährungspolitischen Entwicklungen vor. Die Bilanz ist ernüchternd: Statt die Agrar- und Ernährungswende konsequent umzusetzen, geraten Reformen ins Stocken - und in mehreren Bereichen werden Standards sogar aufgeweicht. Unter dem Stichwort "Bürokratieabbau" werden derzeit zentrale Regeln und Instrumente des Ordnungsrechts geschwächt - etwa bei Pestiziden, Düngerecht, Bodenmarkt, Tierschutz und der geplanten Lockerung der Regeln für Neue Gentechnik. Damit geraten das Vorsorgeprinzip, Umwelt- und Verbraucherschutz sowie faire und verlässliche Rahmenbedingungen für den Agrarmarkt unter Druck.
"Genau dafür müssen Landwirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik in den kommenden Jahren streiten und Mehrheiten organisieren: für eine Agrarförderung, die Geld dorthin lenkt, wo sie Landwirtschaft, Umwelt, Klima und Tierschutz nachweislich stärkt - und damit Betriebe und ländliche Regionen zukunftsfähig macht", sagt Karin Jürgens, Geschäftsführerin des Agrarbündnis.
Die im Kritischen Agrarbericht 2026 beschriebenen Entwicklungen wirken sich auch in Thüringen unmittelbar aus. Viele landwirtschaftliche Betriebe im Freistaat stehen unter hohem wirtschaftlichem Druck und sind zugleich auf verlässliche Rahmenbedingungen angewiesen. Der fortschreitende Verlust der biologischen Vielfalt, zunehmende Extremwetterereignisse und ein wachsender Flächen- und Bodendruck verschärfen die Lage zusätzlich. Auch in Thüringen zeigt sich, dass pauschale Flächenförderung keine Antwort auf die aktuellen Herausforderungen ist. Insbesondere bäuerliche sowie ökologisch wirtschaftende Betriebe profitieren kaum von pauschalen Flächenzahlungen, obwohl sie überdurchschnittliche Gemeinwohlleistungen für Umwelt, Klima und Tierwohl erbringen. Wie die Zukunft der Thüringer Landwirtschaft aussehen kann, zeigt der BUND Thüringen gemeinsam mit seinen Partnern im Rahmen des Projekts "Landwirtschaft und Naturschutz".
Der kritische Agrarbericht 2026 steht unter dem Themenschwerpunkt "Wandel & Widerstand" und diskutiert, wie Verständigung und Reformfähigkeit unter schwieriger werdenden politischen Bedingungen gelingen können.
Die Podiumsteilnehmer*innen - Vertreterinnen und Vertreter der Mitgliedsverbände - warnen vor einem agrarpolitischen Rollback: Statt Reformen voranzutreiben, drohen Rückschritte bei Umwelt-, Klima- und Tierschutz, eine Rückkehr zu pauschalen Flächenprämien sowie ein gefährlicher Kurs bei Neuer Gentechnik. Sie fordern klare Regeln, verlässliche Finanzierung und Transparenz - für den Erhalt bäuerlicher Betriebe und einen zukunftsfähigen Umbau der Tierhaltung.
Olaf Bandt, Vorsitzender, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
(BUND), erklärt:
"Eine zukunftsfähige Landwirtschaft und ein widerstandsfähiges
Ernährungssystem brauchen starke bäuerliche Betriebe - egal ob
ökologisch oder konventionell. Bäuerinnen und Bauern müssen von ihrer
Arbeit leben, und auch mit dem Schutz von Natur, Klima und Tieren ein
verlässliches Einkommen erzielen können. Doch dabei lässt sie die
aktuelle Politik im Stich. Statt nach vorne zu gehen, wird der
Rückwärtsgang eingelegt. Regelungen werden aufgeweicht, Förderungen
gestrichen, Kennzeichnungen verschleppt. Die Bundesregierung
verwässert das Düngerecht, stoppt die Förderung des Stallumbaus und
verschleppt die von Verbraucher*innen und Handel gewollte
Tierhaltungskennzeichnung. Auch auf EU-Ebene drohen Rückschritte -
beim Schutz vor Gentechnik und Pestiziden und bei der Gemeinsamen
Agrarpolitik, die nach Willen der EU-Kommission Steuergeld wieder vor
allem nach Fläche verteilen soll. Das zerstört Lebensgrundlagen,
ignoriert Verbraucherwünsche und gefährdet Höfe. Schluss mit diesem
Rollback. Es braucht verlässliche Lösungen für Natur-, Tier-, Klima-
und Umweltschutz und für den Erhalt bäuerlicher Betriebe."
Claudia Gerster, Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche
Landwirtschaft (AbL), warnt mit Blick auf die laufenden Debatten zur
GAP:
"Wenn es nach der Europäischen Kommission geht, sind in der GAP ab
2028 keine Gelder mehr für die Leistungen von Bäuerinnen und Bauern im
Umwelt-, Klima- und Tierschutz reserviert. Landwirtschaftliche
Betriebe sollen den Hauptteil der rund 300 Milliarden Euro an EU-Geld
stattdessen wieder als Flächenprämien erhalten. Sollte das so kommen,
werden gerade die Landwirtinnen und Landwirte systematisch
wirtschaftlich geschwächt, die bereits heute besonders
ressourcenschonend wirtschaften. Das ist eine weitere Rolle rückwärts
in der Agrarpolitik, die auch die Legitimation der GAP als Ganzes
massiv gefährdet. Minister Rainer und die Abgeordneten im
Europaparlament müssen dafür sorgen, dass die bereits existierenden
Mindestbudgets der Öko-Regelungen und Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen
in der GAP erhalten bleiben und ausgebaut werden. Alles andere würde
die Industrialisierung der Landwirtschaft abermals massiv
vorantreiben."
Carolin Pagel, Vorstandsmitglied im AgrarBündnis und Leiterin
Agrarpolitik Bioland e.V. ordnet das Motto "Wandel und Widerstand" mit
Blick auf das hochaktuelle Thema Neue Gentechnik ein:
"Neue Gentechnik wird als Innovation und Fortschritt beworben, doch
bislang fehlen belastbare, breit wirksame Erfolge im Pflanzenbau.
Gleichzeitig wachsen Risiken wie Abhängigkeiten, zunehmende
Konzernmacht sowie der Verlust von Wahlfreiheit, Transparenz und somit
der Ernährungssouveränität. Der Ökolandbau hält dagegen, denn er steht
für einen zukunftsfähigen Innovationspfad, der auf Vielfalt, frei
zugängliches Saatgut und Ganzheitlichkeit setzt. Wir fordern die
Politik, insbesondere das EU-Parlament, auf, sich nicht von vagen
Versprechen täuschen zu lassen, sondern die Notbremse zu ziehen. Wir
brauchen eine klare Kennzeichnung zum Schutz der Verbraucher sowie
wirksame Patentbegrenzung zum Schutz der Landwirte. Im Ökolandbau
arbeiten wir auch künftig ohne Gentechnik - für die Zukunft einer
Landwirtschaft, die Wandel gestaltet, ohne ihre Prinzipien zu
verraten."
Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, kritisiert
die aktuelle Ausrichtung der Bundesregierung deutlich:
"Dem Bundeslandwirtschaftsminister fehlt der Weitblick - es gibt kein
strategisches Ziel, wie die Tierhaltung in Deutschland künftig
aussehen soll. Stattdessen setzt man weiter auf Instrumente wie das
staatliche Tierhaltungskennzeichen. Das ist, als würde man ein Haus
bauen, bevor man das Grundstück gekauft hat: Man gestaltet Details,
ohne das Fundament zu planen. Diese plan- und ziellose Agrarpolitik
lässt tierschutzwidrige Haltungsformen unangetastet, beschleunigt das
Höfesterben und lässt den Frust größer werden. Die Bundesregierung
muss den Stillstand beenden. Nur mit verbindlichen Maßnahmen, klaren
Zielen, konkreten Zeitplänen und ausreichender Finanzierung kann sie
das Staatsziel Tierschutz erfüllen und die landwirtschaftliche
Tierhaltung zukunftsfähig machen. Der Wandel muss jetzt kommen.
Tierschutz darf kein Lippenbekenntnis bleiben."
Das AgrarBündnis bietet mit dem jährlich erscheinenden Kritischen Agrarbericht eine Informations- und Diskussionsplattform für die nachhaltige Transformation von Landwirtschaft und Ernährung - in Deutschland, Europa und weltweit. Die Autorinnen und Autoren der Jahresrückblicke (Entwicklungen & Trends) zu den zehn Themenschwerpunkten haben auch in diesem Jahr jeweils fünf zentrale politische Forderungen formuliert. Diese 10 5 Kernforderungen richten sich vor allem an die neue Bundesregierung sowie an weitere politische Entscheidungsträger:innen und Akteur:innen der Zivilgesellschaft.
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Quelle:
Pressemitteilung, 15.01.2026
Herausgeber:
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V.
Landesverband Thüringen
Landesgeschäftsstelle:
Trommsdorffstr. 5 99084 Erfurt
E-Mail: presse(at)bund-thueringen.de
Internet: https://www.bund-thueringen.de
veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 30. Januar 2026
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