Alltag absurd - Becketts "Glückliche Tage" in Kiel
Premiere im Theater Die Komödianten am 9. Oktober 2025
Winnie hält inne
Foto: © 2025 by Thomas Eisenkrätzer
Was tun, wenn man allmählich alt und grau wird, die Falten zunehmen, die Zähne sich lockern, der Körper schleichend verfällt und die Beziehung zum Partner oder zur Partnerin immer mehr einer Ödnis gleichkommt? Das ist die beklemmende Frage, die uns allen auf die eine oder andere Weise bevorsteht und die Samuel Beckett in "Glückliche Tage" behandelt. Nun haben die umtriebigen Macher vom Theater Die Komödianten zu Kiel das düstere Stück des irischen Dramatikers mit einer eigenwilligen, einfallsreichen und witzigen Inszenierung auf die Bühne gebracht.
In "Glückliche Tage", 1961 in New York uraufgeführt, treten nur zwei Figuren auf: Winnie und Willie, ein alterndes Ehepaar, gespielt von Barbara Stollhans und Matthias Lippelt, das scheinbar schon länger in einer Art Limbus gestrandet ist, wo tagein, tagaus rein gar nichts geschieht. Die Situation, in der sie sich befinden, ist ein Scheinbild jener glücklicheren Tage, welche die beiden in früheren Jahren, ähnlich Millionen Bürgerfamilien in den Industriegesellschaften, beim sommerlichen Ausflug zum Badeort erlebt haben.
Winnie, gespielt von Barbara Stollhans, setzt der Sinnlosigkeit den Alltag
entgegen
Foto: © 2025 by Thomas Eisenkrätzer
Die Winnie in "Glückliche Tage" - möglicherweise eine ältere Version der jungen Winnie in der Kurzgeschichte "Fingal" aus der Beckettschen Prosasammlung "More Pricks Than Kicks" von 1934 - gilt als eine der herausforderndsten Frauenrollen, die das moderne Theater zu vergeben hat, und zwar deshalb, weil sie fast gänzlich das Sprechen übernimmt. Willie dagegen, bei dem der Prozess des Sterbens und des geistigen Verwesens viel weiter vorangeschritten ist, äußert sich nur bruchstückhaft mittels einzelner gebrüllter Worte und lauten Schnaubens, und das meist erst nach aufdringlichen Fragen seiner Gattin.
Während sich Willie in der Resignation suhlt und deshalb meistens versteckt hält, versucht Winnie jeden Tag aufs Neue den Schein zu wahren, dass alles vollkommen in Ordnung und gar nichts aus dem Lot sei. Um die Selbsthypnose aufrechtzuerhalten, benutzt sie verschiedene Dinge, die sie meistens aus ihrer großen Strandtasche hervorholt, wie Kamm, Zahnbürste, Spiegel et cetera. Und sie hört praktisch niemals auf zu reden, quasselt vor sich hin, versucht immer wieder vergeblich, ihren Mann zu einem Gespräch zu animieren, betet morgens und abends zum lieben Gott und singt oder summt gelegentlich vor sich hin. Dass gar nichts in Ordnung ist und Winnie an ihrer Situation verzweifelt, schimmert bisweilen durch, wenn sie etwa wiederholt erklärt, wie sehr sie Willie beneide, nicht nur die ganze Nacht, sondern auch praktisch den ganzen Tag durchschlafen zu können.
Das verzweifelte Ehepaar für einen Moment irgendwie wieder vereint
Foto: © 2025 by Thomas Eisenkrätzer
Barbara Stollhans hat die Seelenlage der Winnie, eine Mischung aus Verzweiflung, Trotz und Selbsttäuschung sehr gut getroffen. Haltung ist es, die Winnie der ganzen Sinnlosigkeit ihrer Schattenexistenz im Hier und Nirgendwo entgegensetzt, auch wenn es ihr immer schwerer fällt, was Stollhans mit einer überzeugenden Mimik und Momenten vorgetäuschter geistiger Entrücktheit rüberbringt. Wie es Pink Floyd im Lied "Time" auf ihrer 1973er Langspielplatte "Dark Side of the Moon" sangen, bringt "Holding on in quiet desperation is the English way" das Winniesche Dilemma auf den Punkt.
Lob verdienen bei der "Glückliche Tage"-Inszenierung im Theater Die
Komödianten neben der schauspielerischen Leistung von Barbara Stollhans
auch die musikalischen Einsprengsel, von Nick Caves "Cosmic Dancer" über
"The Unanswered Question" von Fink und "Sweet Dreams" (Are Made of
This) von den Eurythmics sowie die Entscheidung erstens für einen
riesigen Haufen aus Klamotten statt eines Sandbergs auf der Bühne und
zweitens, dafür, den Willie nicht hinter diesem Haufen zu verstecken,
sondern ihn im Publikum und nach einer Weile am Guckloch oben an der
Rückwand des Zuschauerraums zu platzieren. Damit haben Isaak Dentler und
sein Team dem etwas in die Jahre gekommenen Stück Becketts eine nette
Verjüngungskur verpasst.
Winni: Barbara Stollhans
Willie: Matthias Lippelt
Regieassistenz: Rafaela Schwarzer
Szenische Einrichtung: Isaak Dentler
Winnie lässt sich vom Kosmos treiben
Foto: © 2025 by Thomas Eisenkrätzer
Vor der Inszenierung konnte der Schattenblick mit Markus Dentler,
Direktor des Theaters Die Komödianten, einen kurzen, aber intensiven
Austausch über das Beckettsche Universum führen.
Schattenblick: Herr Dentler, Sie sind neulich in den Kieler Nachrichten mit den Worten zitiert worden: "Mit Beckett bin ich schon mein ganzes Leben lang verbunden." Können Sie uns das bitte ein wenig erläutern?
Markus Dentler: Gern. Ich bin ein Schauspielerkind. Meine Eltern hatten ein Theater in Ulm an der Donau. Bereits als ich zehn Jahre alt war, habe ich den Jungen in "Warten auf Godot" gespielt. Mit siebzehn oder achtzehn trat ich als Lucky in "Warten auf Godot" auf. Und mit ungefähr Vierzig habe ich ebenfalls in "Warten auf Godot" schließlich die Rolle des Pozzo innegehabt. Vor ungefähr vier Jahren habe ich dann in Becketts One-Man-Show "Das letzte Band" den alternden Krapp gegeben. Und jetzt führen wir hier bei uns "Glückliche Tage" auf. Kurzum, ich kann mir ohne Beckett kein Theater vorstellen. Er gehört schlicht dazu.
SB: Was ist es, das Sie im Vergleich zu anderen Dramatikern am meisten für Beckett begeistert?
MD: Alle behaupten immer, er sei so kompliziert. Ist er aber nicht. Er ist eher kindlich. Man muss das so sehen; Beckett schreibt im Prinzip so, dass jedes Kind ihn verstehen kann. Wir haben das auch erprobt. Wir haben zum Beispiel "Warten auf Godot" auf der Straße gespielt. Schließlich spielt das Stück auch irgendwo auf einer Straße. Selbst Hunde sind stehen geblieben und haben es sich angeguckt. Becketts Stücke sind für jeden zugänglich, solange man nichts bei sich verkompliziert.
SB: Worauf führen Sie das zurück, vielleicht auf seine Beobachtungsgabe, was die Menschen und ihre jeweiligen Eigenheiten, Macken et cetera betrifft?
MD: Er stellt die Menschen meiner Meinung nach so dar, wie sie sind. In seinen Stücken kommt immer Hoffnung vor - auch jetzt bei "Glückliche Tage". Also in dem Stück ist es eigentlich kein glücklicher Tag, keine glückliche Situation, und dennoch schimmert die Hoffnung am Ende durch.
SB: Beckett ist einmal während einer Reise in den USA von einem Kritiker der Vorwurf gemacht worden, er hasse im Grunde die Menschheit. Das hat er vehement bestritten und im Gegenteil proklamiert, er liebe die Menschen aus vollen Herzen.
MD: Ganz klar liebt er die Menschen. Also ich finde, Becketts Figuren haben etwas Clowneskes an sich. Mir kommen seine Stücke immer wie ein Spiel, ein Kinderspiel, vor, genauso wie wir früher als Kinder gespielt haben. Und so spielen seine Figuren. Ich habe ihn immer verstanden. Ich fand seine Stücke niemals kompliziert, wie es manche Kritiker tun. Also ich wundere mich immer. Dabei ist das, was er da geschrieben hat, eigentlich ganz einfach zu verstehen.
SB: Und was ist mit dem Fehlen einer klassischen Dramaturgie, wie man sie zum Beispiel bei den Großen wie Shakespeare gewohnt ist? Haben Sie damit kein Problem?
MD: Überhaupt nicht.
SB: Aber es gibt Zuschauer, die bei Beckett an ihre Grenzen stoßen. Worauf führen Sie das zurück?
MD: Darauf, dass solche Zuschauer sich nicht neu auf ihn einlassen. Man muss sich bei Beckett ganz unbedarft und nicht vorgebildet, sondern einfach ganz frisch und neugierig auf das Stück einlassen, dann geht es. Wenn man natürlich mit einer vorgefertigten Meinung kommt oder das Ganze irgendwie bei sich verkompliziert, dann wird es schwierig.
SB: Es wird mitunter der Vorwurf erhoben, Beckett betreibe in einem gewissen Maße Schwarzmalerei bezüglich der menschlichen Existenz und ihrer möglichen Sinnlosigkeit. Erkennen Sie bei ihm hin und wieder Hoffnung und Freude oder kommen diese in seinen Werken zu kurz?
MD: Er ist eigentlich erstaunlich direkt.
SB: Im positiven Sinne?
MD: Ja, im positiven Sinne. Selbst beim Pozzo, den ich bei "Warten auf Godot" auch gespielt habe, kann man etwas Positives finden, obwohl er eigentlich eine negative Figur ist. Aber selbst Pozzo erfreut sich noch an seiner Pfeife beim Rauchen. Ich sehe es jedenfalls so. Und was auch toll an den Stücken von Beckett ist, dass er niemals viele Charaktere oder viele Rollen benötigt. Er kann mit wenigen Mitteln das Wesentliche zeigen. Das ist das absolut Tolle an ihm, wie man in der Ein-Mann-Show "Krapp's Last Tape" sieht.
SB: Beckett selbst hatte teilweise mit heftigen psychischen Problemen zu kämpfen. Inwieweit eröffnet er Ihrer Meinung nach durch seine Stücke den Menschen Möglichkeiten, sich ebenfalls mit solchen Lebensproblemen auseinanderzusetzen, ohne daran zu zerbrechen?
MD: Wenn ein Mensch in der heutigen Zeit auf diesem Planeten Erde irgendwelche Probleme hat, muss er sich Beckett angucken. Dann hat er später weniger Probleme.
SB: Beckett als Rettungsanker also?
MD: Wenn man einem Stück von ihm beigewohnt hat, kommt man heraus und denkt, "ach so schlecht geht es mir eigentlich gar nicht." (lacht)
SB: (lacht ebenfalls). Vielen Dank, Herr Dentler, für dieses Spontaninterview.
Markus Dentler, Gründer und Direktor:
"Wir wollen Theater machen, das die Seele anspricht, das die Menschen
zum Lachen bringt oder zur Diskussion anregt. Lebendiges Theater ohne Netz
und doppelten Boden."
Foto: © 2025 by Schattenblick
7. November 2025
veröffentlicht in der Schattenblick-Druckausgabe Nr. 184 vom 29. November 2025
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