Fehlgriffe kommen auf dem Brett immer wieder vor, sei es, dass eine Kombination nicht stichhaltig war oder schlicht ein Loch enthielt und sich so als Rohrkrepierer erwies. Natürlich gibt es auch die Fälle, wo eine bedrohte Figur nicht geschützt wurde bzw. ein Stein auf ein Feld sprang, das sie nicht hätte betreten dürfen. Praktisch bedeutet dies die Niederlage.
Wesley So, der seit langem zu den besten Spielern der Welt gehört, hat einmal erklärt, dass Gott ihn die Partien gewinnen, aber manchmal auch verlieren ließe. Gott ist freilich keine Entschuldigung für die eigene Unzulänglichkeit oder die Schwachheit eines Augenblicks.
Nun kommt es allerdings zuweilen vor, dass ein Spieler den richtigen Zug im Geiste findet, seine Hand greift über das Feld, aber seine Finger berühren eine andere Figur, führen einen Zug aus, der vollständig verkehrt ist, zu Materialverlust führt oder im Matt endet. Hinterher kann man sich nicht erklären, welcher Teufel einen geritten bzw. das Blackout verursacht hatte.
Wie kann es sein, dass ein Mensch wider besseren Wissens den falschen Zug ausführt? Eine masochistische Anwandlung? Plötzliche Leere im Kopf? Psychologen mögen eine Antwort wissen, und dennoch ist es schwer zu verstehen, welche Gehirnwindung in dem Moment blockiert hatte. Es ist, als ob die Hand, Dienstleister des Verstandes, schlichtweg rebelliert und partout nicht tun will, was ihr befohlen wurde.
Die Psyche ist ein komplexes Ding, Entscheidungen ringen dort miteinander, aber ein Faktor bleibt immer unberücksichtigt: das Vergessen. Zwischen zwei Augenblicken, wenn der Geist sich entspannt zur Ruhe legt, vergisst der Mensch, was er eben gedacht hat. Und diese Vergesslichkeit fürchtet ein Schachspieler mehr als alles andere, dann ist ihm, als ob seine Finger nicht mehr seinem Verstand gehorchen.
Wer kennt es nicht, dass man im Bruchteil einer Sekunde alles um sich herum vergisst, und womöglich ist das Vergessen ein essentieller Teil eines Gedankens. Der russische Meister Barejew könnte ein Lied davon singen, denn im heutigen Rätsel der Sphinx gegen Judit Polgar zog er nun 1...Sb6-d5??, und das Vergessen hüllte sich in Schweigen, Wanderer.
J.Polgar - Barejew
Moskau 1996
Auflösung des letzten Sphinx-Rätsels:
Während der Tscheche Oral bei 17...La6xf1 nur 18.Kg1xf1 im Auge hatte, überraschte Gleizerew stattdessen mit 18.Dd1-f3! Lg7-f6 19.Df3xc6 Da5-d8 20.Sc3-d5 Ke8-f8 und erst jetzt zog er 21.Kg1xf1. Oral gab angesichts seiner zerrütteten Stellung auf. So wäre auf 21...Sd7-b8 22.Le3-h6+ Lf6-g7 23.Dc6-c8 Dd8xc8 24.Tc1xc8# Matt gefolgt.
28. November 2025
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