Was wird in Italien am 4. November gefeiert?
von Gerhard Feldbauer, 6. November 2025
Italien hat den 4. November als "Tag der Nationalen Einheit und der Streitkräfte" gefeiert. Staatspräsident Sergio Mattarella legte traditionell einen Lorbeerkranz am Grab des Unbekannten Soldaten am Altare della Patria (Altar des Vaterlandes) in Rom nieder, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur ANSA. Begleitet wurde er von der als äußerst rechts geltenden Premierministerin Giorgia Meloni sowie deren Komplizen, den Präsidenten von Senat und Abgeordnetenkammer, Ignazio La Russa und Lorenzo Fontana. Meloni würdigte laut ANSA via sozialer Medien den "Mut und die Hingabe" derer, die "die Freiheit und Einheit unserer Heimat verteidigt haben". Bei dem 4. November handelt es sich um den Tag, an dem 1918 bei Padua in Norditalien Wien vor der Entente kapitulierte, Rom zu den Siegern gehörte und seine Kriegsbeute, darunter das österreichische Südtirol, einforderte.
Als Mitglied des Dreibundes hatte Italien 1914 einen Kriegseintritt mit der Begründung abgelehnt, es handele sich um keinen Verteidigungsfall. In Wahrheit ging es der italienischen Großbourgeoisie darum, sich im beginnenden Kampf um die Neuaufteilung der Welt auf die Seite zu schlagen, die ihr den größten Anteil an territorialen Gewinnen versprach. Es ging vor allem um die alten irredentistischen Forderungen: die Brennergrenze, Gebiete im Trentino, um Triest und an der dalmaltinischen Küste. Während der Kuhhandel nach beiden Seiten begann, erklärte Rom, um die Partner unter Druck zu setzen, aber auch die Antikriegsbewegung zu beruhigen, zunächst seine Neutralität.
Auf Druck aus Berlin wollte Österreich Italien Trient überlassen, keinesfalls jedoch Triest. Den Ausschlag für das italienische Kapital gaben schließlich die größeren Brocken, welche die Entente in Aussicht stellte. Am 26. April 1915 unterzeichnete Rom den Geheimvertrag mit der Entente, der ihm umfangreiche Gebietsansprüche - darunter das österreichische Südtirol - zusagte. Am 24. Mai trat Italien gegen Österreich in den Ersten Weltkrieg ein. Tonangebend für den Kriegseintritt waren die reaktionärsten Kreise des italienischen Imperialismus und ihr Stoßtrupp, eine schon im Januar 1915 von Benito Mussolini gegründete Organisation Fasci d'Azione Rivoluzionaria (revolutionäre Aktionsbünde), eine demagogisch bezeichnete Vorläuferorganisation der faschistischen Bewegung, deren Mitglieder sich als Faschisten (Fascisti) bezeichneten.
Damit wurde am Beispiel Italiens besonders deutlich, dass die Wurzeln des Faschismus bereits im Ersten Weltkrieg liegen und sein Machtantritt nicht durch die spätere "bolschewistische Gefahr" provoziert wurde. Vor der Parlamentsabstimmung über den Kriegseintritt hetzte die von Mussolini gegründete Zeitung der Fasci "Popolo d'Italia", die Abgeordneten, die noch nicht zum Kriegseintritt entschlossen seien - das waren vor allem die Sozialisten - "sollten vor ein Kriegsgericht gestellt werden". Für "das Heil Italiens" seien, wenn notwendig, "einige Dutzend Abgeordnete zu erschießen", andere "ins Zuchthaus zu stecken". Beim "Popolo d'Italia" handelte es sich um ein von führenden Kreisen der Rüstungsindustrie (Ettore Conti, Elektroindustrie; Guido Donegani, Chemie; Giovanni Agnelli, Fahrzeugbau, Rüstung; Alberto Pirelli, Reifen und Gummi) finanziertes Kampfblatt, das in offenem Chauvinismus deren Kriegsinteressen vertrat. Dieselben Konzerne gehörten nach Kriegsende zu den Förderern der faschistischen Bewegung, die Mussolinis Marsch auf Rom finanzierten.
Den Hauptstoß richteten die Fasci gegen die Sozialistische Partei. Angesichts der chauvinistischen Hetze bewies diese außerordentlichen Mut und bezog mit ihrer Ablehnung der Kriegskredite als einzige westeuropäische Sektion der II. Internationale Antikriegspositionen, die sie, von einzelnen reformistischen Abweichungen abgesehen, insgesamt bis zum Ende des Krieges beibehielt. Ihre Haltung bildete, wie Lenin schrieb, "eine Ausnahme für die Epoche der II. Internationale". Ohne den Ausschluss der Reformisten 1912 wäre diese Antikriegshaltung kaum zustande gekommen. Machtvolle antimilitaristische Arbeiteraktionen wenige Wochen vor Ausbruch des Krieges im Juni 1914 stärkten die Position der Italienischen Sozialistischen Partei (ISP). Während der Massenkämpfe riefen der ISP-Vorstand und der italienische Gewerkschaftsbund CGdL zum Generalstreik auf. In Rom, Turin, Mailand, Genau, Florenz und Ancona kam es zu bewaffneten Erhebungen der Arbeiter und zu Barrikadenkämpfen. In den Regionen der Romagna und den Marken riefen die Aufständischen die Republik aus. Bei der Niederschlagung der Aufstände durch über 100.000 Soldaten gab es zahlreiche Tote und Verletzte.
Die Reformsozialisten, die bei Kriegsausbruch zunächst neutralistische Positionen bezogen und noch am 20. Mai 1915 gegen die Kriegskredite stimmten, gingen danach auf sozialchauvinistische Positionen über und unterstützten den Kriegseintritt unter der Losung des Kampfes der "demokratischen" gegen die "autoritären Staaten". Leonida Bissolati trat als Minister ohne Portefeuille in die Regierung ein. Eine Anzahl sogenannter "gemäßigter Reformisten" unter Filippo Turati verblieb in der ISP und fügte sich bis 1917 der Antikriegsposition der Mehrheit. Als im Oktober/November 1917 deutsch-österreichische Truppen am Monte Grappa und am Piave die italienische Front durchbrachen und die dort stehenden 700.000 kriegsmüden italienischen Soldaten flohen, bezogen auch Turati und eine Anzahl "gemäßigter Reformisten" sozialchauvinistische Positionen und riefen zur Vaterlandsverteidigung auf. Der politisch-militärische Zusammenbruch Deutschlands und Österreichs rettete Italien vor weiteren Desastern. Als Wien am 4. November 1918 bei Padua vor der Entente kapitulierte, gehörte Rom zu den Siegern und forderte seine Kriegsbeute ein. Turati trat gegen den Beschluss des ISP-Vorstandes in die italienische Regierungskommission zur Vorbereitung eines imperialistischen Friedens ein.
Das sind die tatsächlichen Ereignisse, die die heutige Ministerpräsidentin Meloni als "Mut und die Hingabe" bei der Verteidigung der "Freiheit und Einheit unserer Heimat" feiert. Für Staatspräsident Mattarella sind sie Anlass, Italiens Rolle in dem "neuen Konflikt in Europa und im Mittelmeer" zu betonen und den Widerstand Russlands gegen das Vorrücken der NATO in der Ukraine an seine Grenzen dem westlichen Narrativ folgend als "blutige Aggression" zu bezeichnen und sich für die "Schaffung einer gemeinsamen europäischen Verteidigungskraft" stark zu machen, die in enger Kooperation mit der NATO als Sicherheitsinstrument für Italien und Europa dienen müsse.
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Quelle:
© 2025 by Gerhard Feldbauer
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick zum 29. November 2025
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